Folge 15: Einer nach dem anderen. Und meine Zeit ist jetzt!!
Es ist ein ziemlich hitziges Gespräch. Es geht um wichtige Dinge, wie Wärmepumpen, Gendern oder die Deckel von Mineralwasserflaschen. Eine Zeit lang macht das richtig Spaß mit einem Menschen zu diskutieren, dem die Welt nicht egal ist.
Aber so langsam beginnen sich die Gesprächsanteile zu verschieben. Die oder der andere redet mehr als Sie, noch mehr, noch mehr. Sie schnappen nach Luft, um einen Satz unterzubringen, aber es gelingt nicht. Sie warten auf Ihre Gelegenheit.
Endlich sind Sie dran. Sie atmen tief ein und wollen jetzt endlich alles sagen, was sich die letzten Minuten angestaut hat. Und dann passiert es. Sie wer-den erneut unterbrochen. Mitten im Satz. Mitten im Gedanken. Und jetzt greifen Sie zu einem giftigen Satz: Darf ich bitte aussprechen?
Auch davon gibt es viele Varianten. Musst du mich immer unterbrechen! oder Kannst du mich EINmal zu Ende reden lassen oder Jetzt bin ich aber auch mal dran!
Das ist aber auch unhöflich, oder? Ihr Gegenüber hat viel länger geredet. Da sind Sie ganz sicher. Das lässt sich beweisen
Außerdem behaupten Sie sicher, dass Sie doch ganz höflich waren. Schließlich haben Sie sogar Bitte gesagt. Aber wie so oft kommt es auf den Unterton an, auf das wie. Die meisten sagen diesen Satz, als würden Sie ein scharfes Messer benutzen, ein bisschen zu deutlich artikuliert, ein bisschen zu laut. Und dieses unterwürfige Darf macht es nicht besser. Im Gegenteil: Die Ironie ist deutlich zu bemerken. Könntest du mir erlauben, auch einmal etwas sagen zu dürfen. Da macht man sich so klein, dass der andere sofort bemerken sollte, dass es anders gemeint ist.
Ist es auch. Sie sind sauer. Sie ärgern sich. Sie haben schon länger gewartet, ehe Sie diesen Satz formuliert haben. Jetzt reicht es. Jetzt haben Sie lange genug Ihre Erwiderung vorformuliert. Jetzt muss sie raus.
Nehmen wir mal an, Sie seien die Klügere in dieser Kommunikationssituation. Sie seien der, der etwas erreichen will, der ein Ziel hat. Ein Mensch, dem es nicht nur darum geht, sich wohlzufühlen, sondern Sie wollen etwas be-wegen. Vielleicht wollen Sie eine andere Person von sich überzeugen, beeindrucken oder in irgendeiner Form einen Abdruck hinterlassen.
Dann halte ich das für die falsche Taktik. Erst einmal merkt Ihr Gegenüber, dass Sie gerade nicht sehr gut gelaunt sind. Entweder ärgert ihn das auch und das Gespräch erreicht die nächste Eskalationsstufe. Oder es ist Ihrem Gegenüber peinlich, dass er so lange auf Sie eingeredet hat. Auch keine gute Voraussetzung für ein Gespräch auf Augenhöhe.
Nehmen wir an, es gelingt Ihnen, Ihr Gegenüber zu stoppen und Ihren Satz, ihren Gedanken, Ihre Geschichte loszuwerden. Was wird die andere Person währenddessen tun? Sie wird versuchen in Gedanken festzuhalten, was sie sagen wollte. Sie war ja gerade mittendrin. Sie versucht den Gedanken, den Satz, die Idee zu konservieren, damit sie nicht verloren geht. Sie versucht den Faden nicht zu verlieren. Und was tut sie nicht? Sie hört Ihnen nicht zu.
Auf den ersten Blick haben Sie alles erreicht: Sie dürfen jetzt weiterreden. Sie dürfen wie unter zivilisierten Menschen üblich auch Ihren Gedanken zu Ende bringen. Aber was Sie sagen, kommt nicht an. Ihr Gegenüber schaut mit glasigem Blick in Ihre Richtung und bekommt nichts mit von dem, was Sie da gerade ausführen, weil er oder sie nur ja behalten will, welcher Gedanke da war. Ist das sinnvoll?
Wäre es nicht besser, sich einfach zu merken, was man sagen wollte, es vielleicht aufzuschreiben, und dem anderen die Möglichkeit zu geben, all das rauszulassen, was raus muss? Offenbar ist das für sie oder ihn gerade sehr wichtig.
Natürlich sollen Sie den anderen nicht endlos reden lassen. Ihre Zeit ist kostbar, und vielleicht haben Sie gar keine Lust auf lange Ausführungen. Aber dann unterbrechen Sie und reden beide mal darüber, wie Sie das Gespräch gerade empfinden oder warum Sie sich gerade ärgern.
Wenn ein Gespräch einseitig verläuft, jemand auf Sie einredet, Sie nicht zu Wort kommen lässt, dann liegt eine Störung vor, und Sie könnten überlegen, die Störung anzusprechen. Wenn sich dann herausstellt, dass Ihr Gegenüber gerade in einer sehr schwierigen Situation ist und deshalb so viel redet, haben Sie vielleicht sogar Verständnis. Vielleicht tut es Ihrem Gegenüber ja auch einfach Leid, und Sie unterhalten sich ganz ruhig weiter.
